Ich stehe an einer Bushaltestelle und lese auf einem Werbeplakat: „Mach, was wirklich zählt“. Auf dem Foto steht ein Soldat in Uniform. Im täglichen Leben ist die Werbung für die Bundeswehr sehr präsent – in Bussen, auf Videowänden an der U-Bahn, auf Straßenbahnen.
Kaum ein Thema treibt viele Menschen gerade so sehr um wie die Frage des Friedens. Frieden war für uns in Deutschland fast schon selbstverständlich geworden. Auf einmal ist sie wieder da, die Angst vor dem Krieg.
Ist militärische Verteidigung nun wieder das, was zählt? Müsste dieser Slogan nicht eher über Werbung für Pflegeberufe oder Friedensfachkräfte stehen? Sicherheit ist das große Thema, doch bei mir löst diese Art des Umgangs mit dem Thema eher Unsicherheit und Angst aus.
Eine Welt im Konflikt
Die Zeit ist geprägt von Kriegen, und das Völkerrecht scheint außer Kraft gesetzt. Auch der Global Peace Index 2025, der die Entwicklung von Frieden und Sicherheit weltweit untersucht, bestätigt dies. Hier werden 59 staatlich geführte Konflikte weltweit gelistet. Die meisten davon sind uns wahrscheinlich gar nicht bewusst und spielen in unserer Wahrnehmung keine Rolle.
Die Militarisierung nimmt ebenfalls weltweit zu, auch bei uns. Während Gelder für Demokratiebildung, Integration und Friedensarbeit bei uns und in anderen Ländern immer weiter gestrichen werden, steigen die Ausgaben für das Militär sprunghaft an. Studien wie der Global Peace Index 2025 zeigen: Militärische Aufrüstung allein schafft keinen Frieden, sondern oft neue Spannungen.
Ist deshalb nicht gerade die Stärkung ziviler Strukturen der Weg zu einem nachhaltigeren Frieden? Und gefährden nicht gerade die Kürzungen in den Bereichen Soziales und Friedensarbeit den Frieden und die Sicherheit in unserem Land und in vielen anderen Regionen der Erde?
Die Friedensdenkschrift der EKD
„Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) weiß sich in besonderer Weise dem Frieden verpflichtet“, so schreibt Bischöfin Fehrs im Vorwort der aktuellen Friedensdenkschrift der EKD mit dem Titel: „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“.
Auf 147 Seiten werden in der Denkschrift viele wichtige Themen diskutiert. „Am Primat der Gewaltfreiheit werden sich alle individuellen, gesellschaftlichen und politischen Entscheidungen messen müssen“, heißt es dort. Gleichzeitig wird der Sicherheitsaspekt betont, der besagt, dass Sicherheit dann eben doch den Einsatz von Gewalt legitimiert.
Bei der Veröffentlichung im November 2025 stieß diese Denkschrift auf ein sehr geteiltes Echo. Viele Friedensorganisationen kritisierten, dass die Denkschrift der „Logik der Zeitenwende folge und dem Schutz vor Gewalt Vorrang einräume vor dem Primat der Gewaltfreiheit“ (Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft Dienst für den Frieden vom November 2025). Zivile Friedensarbeit kommt in der Denkschrift der EKD nur am Rande vor und Pazifismus wird lediglich als Ausdruck „gelebter Frömmigkeit“ wertgeschätzt.
Frieden aktiv gestalten
Fabian Scheidler schreibt in seinem Buch „Friedenstüchtig – wie wir aufhören können, unsere Feinde selbst zu schaffen“: „Der Schlüssel zum Frieden liegt in der Achtung der Sicherheitsinteressen aller Akteure.“
In unserer vernetzten Welt gibt es nur eine gemeinsame Sicherheit. Um Frieden zu schaffen, muss ich mich in den anderen hineinversetzen, die Perspektive wechseln können und nach Wegen suchen, die ein Leben für alle ermöglichen. Das, was wir in unserer Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen einüben, scheint von Politiker:innen nicht mehr gefordert zu sein.
Die Friedensdenkschrift versucht, eine breite Diskussion anzustoßen. Viele wichtige Aspekte sind in ihr bedacht. Die gegenwärtige Zeit fordert uns heraus, uns bewusst zu werden: Was ist Frieden überhaupt? Ist Frieden Sicherheit oder gehört nicht viel mehr dazu?
Wir sollten über Frieden nicht nur reden, sondern ihn aktiv gestalten. Wir können die aktuellen Diskussionen als Einladung verstehen, Frieden zum Thema zu machen. Frieden ist nicht selbstverständlich und es ist wichtig, sich im persönlichen Umfeld, in Gemeinden und Initiativen sowie in unseren Arbeitskontexten mit der Frage auseinanderzusetzen: Was bedeutet Frieden für uns und wie können wir ihn leben?
Martina Bock, Geschäftsführung und Projektmanagement Ausland
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