Ein Jahr später: Die Zivilgesellschaft Bosnien und Herzegowinas in der Dauerkrise
Bosnien und Herzegowina steckt seit Jahren in einer politischen Krise, die demokratische Institutionen schwächt und den gesellschaftlichen Zusammenhalt belastet. Nationale Spannungen, Angriffe auf die Zivilgesellschaft und eine zunehmende Unsicherheit für unabhängige Organisationen prägen den Alltag vieler Menschen. Besonders betroffen sind jene, die sich für Dialog, Frieden und die Aufarbeitung von Kriegstraumata einsetzen.
Azra Frlj ist Psychologin, Traumaberaterin und Leiterin unserer Partnerorganisation Progres in Bosnien und Herzegowina. Vor einem Jahr beschrieb sie im Interview mit uns die Situation im Land als die schwerste Krise seit dem Dayton-Abkommen. Zwölf Monate später hat sich an dieser Einschätzung wenig geändert.
„Politisch ist kaum Bewegung erkennbar. Was sich verändert hat, ist die Atmosphäre im Land. Sie wirkt weniger angespannt, dafür von einer gefährlichen Normalisierung geprägt“, sagt Azra Frlj. Viele Menschen haben sich an die Dauerkrise gewöhnt oder sind, wie sie es formuliert, „abgestumpft“.
Diese Gewöhnung an Instabilität betrifft nicht nur Einzelne, sondern die gesamte Zivilgesellschaft. Organisationen arbeiten weiter, entwickeln Projekte, suchen Lösungen. Doch sie tun dies unter Bedingungen, die zunehmend zermürben. Die größte Herausforderung ist dabei nicht fehlender Wille oder mangelnde Expertise, sondern permanente Unsicherheit.
Arbeiten unter Bedingungen permanenter Unsicherheit
Die politische Instabilität im Land trifft auf unsichere internationale Fördermittel: Was früher verlässlich zugesagt wurde, ist heute oft kurzfristig, gekürzt oder vollständig eingestellt. Für viele Organisationen erschwert diese Unsicherheit die langfristige Planung.
Internationale Geldgeber setzen zudem immer häufiger auf kurzfristige Projektförderungen. Laufzeiten von sechs Monaten sind keine Ausnahme mehr. Für Azra ist das nicht nur ineffizient, sondern strukturell schädlich. „Diese Tendenz, nur noch für ein halbes Jahr zu fördern, ist hochproblematisch“, sagt sie. „Das hält Organisationen in einem Zustand ständiger Anspannung und verlangt gleichzeitig messbare Ergebnisse innerhalb kürzester Zeit. Das ist schlicht unmöglich.“
Besonders problematisch ist diese Logik für die Trauma- und Friedensarbeit. Vertrauensaufbau, Dialog und Heilung brauchen Zeit. Sechs Monate reichen kaum aus, um stabile Beziehungen in lokalen Gemeinschaften aufzubauen, geschweige denn nachhaltige Wirkungen zu erzielen. Dennoch zwingt diese Förderpraxis viele NGOs dazu, immer neue Anträge zu schreiben, sich ständig neu aufzustellen und parallel um ihr eigenes Überleben zu kämpfen.
Wirkung trotz begrenzter Ressourcen
Trotz dieser strukturellen Hürden konnte Progres im vergangenen Jahr sichtbare Erfolge erzielen. Frauen mit besonderen Schutzbedarfen erhielten gezielte Unterstützung, darunter psychosoziale Beratung und Angebote der Gewaltprävention. Auch die Friedens- und Versöhnungsarbeit mit Jugendlichen wird gemeinsam mit Partnerorganisationen fortgesetzt. Darüber hinaus realisierte Progres kulturelle und bildungsbezogene Initiativen, darunter die Produktion eines Theaterstücks, das sich mit Diskriminierung von Minderheiten auseinandersetzt. Ergänzend entwickelte das Team ein Unterstützungsprogramm für Friedensaktivistinnen, als Reaktion auf den wachsenden Druck, dem zivilgesellschaftliche Akteur:innen vor Ort ausgesetzt sind.
Gleichzeitig bleiben schmerzhafte Lücken. Für das Programm zur Ausbildung von Lehrkräften fehlen derzeit die Mittel. Gespräche mit Partnerorganisationen laufen, doch ohne verlässliche Finanzierung bleibt vieles ungewiss.
Was jetzt gebraucht wird
Wenn Sie die Arbeit von Azra und ihrem Team unterstützen möchten, freuen wir uns über jede Form der Solidarität. Ihre Spenden ermöglichen Kontinuität in einer Arbeit, die Zeit und Vertrauen braucht. Darüber hinaus sucht Progres langfristige Partnerschaften mit Organisationen der internationalen Zivilgesellschaft sowie Unternehmen, die Friedensarbeit nicht nur fördern, sondern aktiv mittragen möchten. Auch das Weitererzählen dieser Geschichte hilft, den Raum für Dialog und Versöhnung offen zu halten.
Friederike Regel
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