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Stiftung Wings of Hope
Aktuelles
26.11.2021
Liebe:r Freunde und Ehrenamtliche,
liebe Interessierte an der TRAUMAarbeit,
seit September haben wir viel erreicht! Wir konnten unsere Seminare und Fortbildungen durchführen, Abschlussprüfungen abnehmen und dafür auch vor Ort sein. In diesem Newsletter erfahren Sie etwas über kollektive Trauma, was für unsere Gesellschaft in Deutschland interessant ist. Unsere Akademie für Frieden und Dialog in Kurdistan-Irak konnte das erste Mal im Oktober durchgeführt werden und davon werden wir berichten.

Einen Ausblick auf die anstehenden Seminare und Fortbildungen stellen wir im letzten Abschnitt des Newsletters vor.

Gestern war der „Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“, der Aufmerksamkeit und Sensibilisierung für die Tatsache schaffen möchte, dass Frauen in der ganzen Welt Opfer von sexualisierter und häuslicher Gewalt und anderen Formen von Gewalt sind. Wir klären im Rahmen unserer Traumafortbildungen über die Auswirkungen von Gewalt auf und stellen uns bewusst auf die Seite der Betroffenen. Regina Miehling beteiligt sich an der Vorbereitung des Gottesdienstes „Trotz Allem“ und unterstützt das Team der Ansprechstelle für Betroffene sexualisierter Gewalt in der Bayerischen Landeskirche. An dieser Stelle verweisen wir auch auf die Aktion "NEIN zu Gewalt gegen Frauen in der Kirche".
Erste Akademie für Frieden und Dialog in Kurdistan-Irak
„Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der ich nicht nach meiner Zugehörigkeit zu einer Religion oder Ethnie beurteilt werde. Ich möchte als Mensch wahrgenommen und aufgrund meines Handelns bewertet werden.“ Viele Aussagen der 17 Teilnehmer:innen unserer ersten „Academy for Peace & Dialogue“ klingen in diesem Zitat einer Teilnehmerin aus Alqosh, einem christlichen Ort in Kurdistan-Irak, wider.
Academy for Peace & Dialogue
Ermutigt durch unsere jährliche Sommerakademie für interkulturellen Dialog in Ruhpolding, haben wir in Kooperation mit der Jiyan Foundation for Human Rights nun eine Akademie in Dokan, in Kurdistan-Irak organisiert, an der 17 junge Erwachsene teilnahmen. Vom 21.-28. Oktober lernten wir von- und miteinander unsere Geschichten kennen, suchten nach Gemeinsamkeiten in unserer (religiösen und ethnischen) Vielfalt und fragten uns, wie wir Hass und Gewalt verhindern können.

Die oft übersehene ethnische und religiöse Heterogenität und Diversität des Landes spiegelte sich in der Gruppe der Teilnehmer:innen wider. Die 17 Teilnehmer:innen kamen aus sieben unterschiedlichen Gemeinschaften und Überzeugungen: Jesid:innen, Zoroastrier:innen, Christ:innen, Muslim:innen, Kaka’i, Shabak und Omnisten. Sie sind alle Mitglieder des „Jugendnetzwerks für Frieden und Dialog“. Viele von ihnen haben im Rahmen dieses Projektes zum ersten Mal über den Glauben und die Überzeugungen der anderen erfahren. Wir haben uns dabei - um möglichst inklusiv zu sein und die Hürden für die Teilnahme niedrig zu halten - für die Zweisprachigkeit entschieden: Kurdisch und Arabisch.

Uns war es wichtig, zu Beginn die gemeinsamen Regeln zu vereinbaren und einen sicheren Rahmen zu schaffen, in dem auch emotional intensive und herausfordernde Themen behandelt und geteilt werden können. Was sollen die anderen über uns erfahren? Was wünschen wir uns von den Menschen mit einem anderen religiösen Hintergrund? In was für einer Gesellschaft möchten wir eigentlich leben? Fragen, die in einem Land, das in den vergangenen Jahrzehnten viel Gewalt erlebte und in dem die einzelnen Gemeinschaften Verletzungen von anderen erlitten haben, wichtig sind und einen sicheren Rahmen bedürfen. Dazu zahlreiche Gespräche und Begleitung von den Teilnehmer:innen, auch zwischen den Einheiten. Und so mussten wir als Team und Teilnehmer:innen insbesondere am Tag des Besuchs der Gedenkstätte in Halabdscha - 1988 hatte das Saddam-Regime mit einem Giftgasangriff 5.000 Kurd:innen getötet - füreinander da sein und Raum für schwere persönliche Geschichten erlauben. Zuhören, auch wenn es herausfordernd ist. Anschließend haben wir gemeinsam überlegt: Was kann jede:r Einzelne von uns tun, damit sich so etwas nicht wiederholt? Der Zeitzeuge, der uns durch die Gedenkstätte führte, sagte: „Dass unsere jesidischen Schwestern und Brüder in den Händen vom IS nocheinmal Verbrechen erlebt haben, zeigt, dass wir noch nicht aus unserer Geschichte gelernt haben.“

Vor diesem Hintergrund durften ressourcen-orientierte Freizeitaktivitäten wie eine Bergtour und ein Lagerfeuer nicht fehlen. Das Ziel der Akademie, Dialog und ein friedliches Zusammenleben der verschiedenen Gemeinschaften zu fördern, setzten wir auch theaterpädagogisch um und inszenierten am Abschlussabend mit den Teilnehmer:innen ein Theaterstück. Geleitet wurden die vorbereitenden Einheiten und das Theater von Dr. Hawre Zangana. Er ist Theaterwissenschaftler und Pädagoge und mit ihm haben wir dieses Projekt seit 2020 vorbereitet. Nun konnte es nach Corona-bedingten Verschiebungen endlich stattfinden und nach den zahlreichen Rückmeldungen sind wir überzeugt, dass die Akademie noch viele weitere Male stattfinden wird.

„Diese Akademie war ein einmaliges Erlebnis für mich. Es war intensiv. Aber hier konnte ich meine Gedanken teilen, ohne verurteilt zu werden. Die Solidarität und der Respekt der anderen haben mich beeindruckt und ich nehme ganz viel mit nach Hause“, sagte eine Teilnehmerin in der Abschlussrunde. Ein Teilnehmer der am Anfang der Akademie Skepsis geäußert hatte, was das Gespräch mit Menschen aus den anderen religiösen und ethnischen Gemeinschaften anbelangt, sagte am letzten Tag: „Diese Arbeit ist für das Zusammenleben hier im Lande so wichtig wie Luft zum Atmen.“

Atran Youkhana

Kollektive Traumata -
wie sich Traumata auf Gruppen und Gesellschaften auswirken

Auf der Brücke in Mostar
„Durch die langen Jahre der Gewalt und des Krieges sind wir als Gesellschaft ein Stück weit immun gegen Gewalt geworden - das ist das kurdische Immunsystem“, so sagt einer unserer Teilnehmer der Traumaausbildung in Kurdistan-Irak, in einer Diskussion. „Ist es nicht eher eine Abstumpfung in unserer Gesellschaft?“ fragt eine andere Teilnehmerin und wir sind mittendrin im Gespräch, wie sich Traumata auf Gruppen und Gesellschaften auswirken.
Häufig wird unter Traumaarbeit nur Therapie mit Einzelnen verstanden - der gesellschaftliche Kontext wird ausgeblendet. In unserer Arbeit erleben wir immer wieder, wie wichtig es ist, die Erfahrungen einzelner im gesellschaftlichen und politischen Kontext zu sehen. Traumata geschehen nie in einem Vakuum. Sie haben immer auch Auswirkungen auf die Gemeinschaften, in denen Menschen leben, sei es die Familie oder Freund:innen, eine Nachbarschaft oder auch eine Gruppe, die eine gemeinsame Zugehörigkeit teilt wie eine Zugehörigkeit zu einer Ethnie oder einer Religion.

Michaela Huber sagt: Ein Kollektivtrauma ist „eine Wunde, entstanden dadurch, dass eine Gruppierung unerträglichen existenziellen Stress erlebt und mit Spaltungsphänomenen zwischen Unterwerfung und Unterdrückung, gewalttätiger Machtausübung und angstgetriebener Isolation vieler Unterdrückter reagiert.“ Ereignisse, die so ein Kollektivtrauma verursachen, sind z.B. Krieg, Vertreibung, Diktatur oder Unterdrückung - vielleicht auch eine Pandemie.

In vielen Konflikten dieser Welt zeigt sich, dass die unverarbeiteten Traumata zu einer Eskalation und oder dem Aufrechthalten eines Konfliktes beitragen.

Ein erster Schritt ist, sich dieser Dynamik bewusst zu werden und sie zu erkennen, denn häufig prägen diese Erfahrungen die Kultur und die Werte einer Gesellschaft, ohne dass wir uns dieser Verbindungen bewusst sind. Die Erfahrungen werden in Narrativen weitererzählt und prägen die Identität von ganzen Bevölkerungsgruppen. In unseren Jugendnetzwerken arbeiten die Jugendlichen viel daran, herauszufinden, welche Auswirkungen von kollektiven Ereignissen sie in ihrer Gesellschaft wahrnehmen, um dann gemeinsam zu überlegen, wie sie diese verändern können.

Aktuell arbeiten wir gemeinsam mit unserem Partner Progres in Bosnien und Herzegowina mit Jugendlichen daran, die unterschiedlichen Narrative über die Kollektivtraumata nebeneinanderzustellen, voneinander zu hören und die Leerstellen zu füllen, die vielleicht aus Angst, Scham oder Schuld verschwiegen werden. Dies ist eine Herausforderung, aber ein wichtiger Schritt, damit die alten Wunden nicht immer wieder aufreißen und von Politiker:innen missbraucht werden, um andere Interessen durchzusetzen. Auch in der sehr aufgeheizten Situation in Deutschland lohnt es sich sicherlich, einmal so auf unsere Gesellschaft zu schauen und statt Vereinzelung und der Bestätigung der eigenen Erfahrung durch die eigene Bubble, unterschiedliche Geschichten und Biographien in Dialog zu bringen.

Martina Bock

Unsere Angebote - Rückblick und Vorschau
Im Oktober fand mit großer Nachfrage der Seminartag „Deeskalation und Selbstschutz in der sozialen Arbeit“ statt, der sich an Mitarbeitende in sozialen Arbeitsfeldern richtet, speziell auch an Mitarbeiter:innen in der Kinder- und Jugendhilfe. Weil die Warteliste lang war, bieten wir diesen Seminartag wieder am 09. März 2022 in Nürnberg an und laden jetzt schon herzlich dazu ein. Sichern Sie sich einen Platz für diesen interaktiven Tag und/oder geben Sie bitte die Information weiter an mögliche Interessierte.

Im März 2022 werden wir ein weiteres Trauma-Fortbildungscurriculum in den Fachbereichen Traumapädagogik, Traumaberatung und Traumatherapie starten.

Diese Weiterbildung zeichnet sich durch eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Trauma aus und nimmt sich Zeit, traumpädagogische und -therapeutische Methoden zu vertiefen. In den einzelnen Modulen werden Erkenntnisse der Neurobiologie, der Bindungs- und Traumaforschung mit dem traumazentrierten und ressourcenorientierten Ansatz des KReST-Modells (nach Lutz Besser) verbunden. Dazu gehören auch entwicklungspsychologische und systemische Aspekte. In Form von anschaulichen Präsentationen, Übungen und Live-Demonstrationen werden die Inhalte praxisnah von Modul zu Modul aufeinander aufbauend vermittelt. Der interdisziplinäre Ansatz und die berufsgruppenübergreifende Arbeit haben sich bewährt und sind für die Teilnehmer:innen erfahrungsgemäß sehr gewinnbringend. Die Verarbeitung von Traumata und die Begleitung Betroffener braucht Zeit - eine Ausbildung dafür auch!

Das achtteilige Trauma-Fortbildungscurriculum wird von der Stiftung Wings of Hope in Kooperation mit dem Zentrum für Psychotraumatologie und Traumatherapie Niedersachsen (zptn) durchgeführt und richtet sich an Fachkräfte in sozialen Arbeitsfeldern. Alle wichtigen Informationen sind im Flyer enthalten. Wir freuen uns über rege Nachfragen zum Curriculum oder werbende Unterstützung.

Regina Miehling

„Trauma-Fortbildungscurriculum 2022 - 2024“
8-teilige Fortbildungsreihe für Interessierte und Menschen aus helfenden Berufen
Beginn im März 2022, Haus eckstein in Nürnberg und Labenbachhof in Ruhpolding | mehr Infos

„Deeskalation und Selbstschutz in der sozialen Arbeit“
Fortbildung für Mitarbeiter:innen in sozialen Arbeitsfeldern
am 09. März 2022, 10.00 - 18.00 Uhr im Haus eckstein in Nürnberg | mehr Infos

… zu finden hier, Rubrik ‚Seminare‘ und ‚Weiterbildungen‘.

Wir freuen uns auf Ihre Anmeldungen!

Und wenn Sie weitere Interessierte kennen, die Sie für das Thema Trauma und Weiterbildungen gewinnen können, leiten Sie diese Nachricht bitte gern weiter.
Vielen Dank!

Für die letzten Wochen des Jahres werden uns nun wieder Rückzug, Vorsicht und Beschränkungen auferlegt. Es fügt sich, dass nun auch die dunklere und kältere Zeit des Jahres begonnen hat und sich jede und jeder auf den Advent einstimmen wird. Advent, die Zeit der Stille und Ruhe.

Wir wünschen Ihnen eine ruhige und besinnliche Vorbereitungszeit auf Weihnachten!

Es grüßen

Imke Mentzendorff, Maid Alić, Atran Youkhana
aus der WoH Geschäftsstelle in München
Martina Bock, Regina Miehling und Lucija Lukić Holjan aus den WoH Büros in Nürnberg und in Ruhpolding
Trauma heilen, Frieden stiften, Versöhnung leben.
Wir danken herzlich den Spender:innen und Zuschussgeber:innen,
ohne die unsere Arbeit nicht möglich ist. Weiteres erfahren Sie hier.
Absender des Newsletters: Stiftung Wings of Hope Deutschland, Bergmannstraße 46, 80339 München
Tel: 089-50808851 | info@wings-of-hope.de | www.wings-of-hope.de

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